Mit einer phänomenalen Leistung gewann Christoph
Keller aus Toffen (BE) die erste Goldmedaille für ein Schweizer
Team an einer Physikolympiade!
Matthias Treier aus Würenlingen AG ergänzte mit
der Anerkennungsurkunde (honourable mention) die hervorragende
Leistung der Gruppe, die durch Mattia Rigotti (Roveredo GR),
Jonathan Rossel (Villars-Tiercelin VD) und Jonathan Roider (Ottikon
ZH) vervollständigt wurde.
Die 31. Internationale Physikolympiade fand vom
8. Juli bis 16. Juli in Leicester statt. An diesem bisher grössten
Anlass waren 64 Nationen mit 310 jungen Leuten und ihren über
120 Betreuern vertreten. Die aufwändige und über ein Jahr
dauernde Vorbereitung sowie die Durchführung des Anlasses übernahm
ein grosses Team von Mittelschul-lehrkräften und von Professoren
aus England. Die Hauptlast der Verantwortung trug das Departement
für Physik und Astronomie der Universität Leicester. Namhafte
Vertreter aus Industrie und Wissenschaft gaben ihre finanzielle
Unterstützung.
Am Tag nach der Eröffnungsfeier begann der Wettbewerb
mit einer fünfstündigen Klausur, in welcher 3 anspruchsvolle
Aufgaben zu lösen waren. Dabei bestand die erste Aufgabe selber
aus 5 Teilaufgaben mit den Themenbereichen Bungee-Sprung, Wärmekraftmaschine,
Erdalter und Radioaktivität, elektrische Energie einer geladenen
Kugel und rotierender Ring im Magnetfeld der Erde. In der zweiten
Aufgabe ging es um die Frage der Fokussierung des Elektronenstrahls
in einer Kathodenstrahlröhre und die Messung der spezifischen
Ladung e/m nach einem speziellen Verfahren mit Messingplatten
und einem photographischen Film. Die dritte Aufgabe verlangte
die Lösung von Fragen im Zusammenhang mit einem Gravitationswellendetektor
und mit dem Einfluss eines Gravitationsfeldes auf die
Ausbreitung von Licht. Die Beschreibungen der Phäno-mene und
der experimentellen Einrichtungen sorgten dafür, dass die Fragestellungen
innerhalb des vorgegebenen Syllabus lagen.
Zwei Tage nach der theoretischen Prüfung folgte
eine ebenfalls fünfstündige praktische Klausur. Dieses Jahr
bestand sie aus zwei verschiedenen Aufgabenteilen. Im ersten
Teil erhielten die jungen Leute ein einfaches CD-ROM Spektrometer
und mussten die Abhängigkeit der elektrischen Leitfähigkeit
eines Fotowiderstandes von der Wellenlänge des einfallenden
sichbaren Lichtes messen. Zielsetzung der zweiten Aufgabe waren
die Untersuchung der Kräfte auf einen eine geneigte Ebene hinuntergleitenden
magnetischen Puck und die Entwicklung eines quantitativen Modells
dieser Bewegung.
Die für viele ungewohnte offene Fragestellung
und das Arbeiten mit recht einfachen Experimentier- und Messgeräten
machten diese zweite Aufgabe schwieriger als erwartet. Die Schlussergebnisse
zeigten dann, dass die theoretischen Aufgaben an die jungen
Leute hohe Anforderungen stellten. Zudem wurde der Zeitaufwand
für die erste theoretische Aufgabe vielfach unterschätzt. Von
den maximal 50 Punkten kam der Gewinner aus China auf 43,4 Punkte.
Für uns Betreuer wuchs die Spannung bis zur Mitteilung der Ergebnisse
und wandelte sich in ungläubiges Staunen und dann in riesige
Freude um, als wir Christoph Keller auf dem zweiten Gesamtrang
hinter einem Chinesen entdeckten!
Die Medaillen werden nach einem festen Reglement
vergeben. So konnten diesmal 11 Goldmedaillen, 11 Silbermedaillen,
42 Bronzemedaillen und 62 Anerkennungsurkunden verteilt werden.
Traditionsgemäss gingen die meisten Goldauszeichnungen, dieses
jahr deren 9, an hochbegabte und vor allem durch intensive Trainings
vorbereitete junge Leute aus Asien; 5 weitere Goldmedaillen
errangen Teilnehmer aus ehemaligen Ost-staaten (inklusive Russland).
Christoph Keller ist dieses Jahr der einzige Teilnehmer aus
einem westlichen Land, der sich in die absolute Spitzenklassierung
brachte! Ausserdem gab es Spezialpreise für die am besten gelösten
Aufgaben. Eine dieser Auszeichnun-gen ging ebenfalls an Christoph
Keller, der beim zweiten theoretischen Problem von allen Teilnehmenden
die höchste Punktzahl erreichte.
Die Hauptarbeit von den Betreuern bestand im diskussionsreichen
Festlegen der von den Experten vorgelegten, interessanten aber
oft in der Zeitkalkulation unrealistischen Prüfungsfragen, dem
stundenlangen Übersetzen der textreichen Aufgaben und schliesslich
im aufwändigen ersten Korrigieren der von den eigenen Teilnehmenden
vorgelegten Lösungen. Die Übersetzungs- und Korrekturarbeit
mussten in den Nachtstunden erledigt werden.
In den wettbewerbsfreien Zeiten wurden für die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer Besichtigungen, Ausflüge mit
Führungen und Unterhaltungsanlässe organisiert, an denen immer
wieder die vielfältigen Möglichkeiten zu internationalen Kontakten
und zu Gesprächen mit Gleichgesinnten aus andereren Ländern
und Kulturen geschätzt werden. Dieses Knüpfen von Kontakten
lässt für viele den eigentlichen Wettbewerb in den Hintergrund
treten. Auch für die Betreuer ermöglichen die gut vorbereiteten
Exkursionen wertvolle Begegnungen, über fachliche Probleme hinausgehende
Diskussionen und den Erfahrungsaustausch auf internationaler
Ebene. Dieses Jahr bestand die Möglichkeit, an geführten Ausflügen
nach Greenwich und nach Oxford teilzunehmen.
Eine feierliche und folkloristisch gefärbte Eröffnungszeremonie
sowie eine in britischer Würde gestaltete Abschlussfeier mit
der Verleihung der Preise bildeten den Rahmen der Physikolympiade.
Die Arbeitsgruppe der Schweiz und von Liechtenstein setzt sich
dieses Jahr zusammen aus Richard Bachmann (KS Büelrain
Winterthur), Fritz Epple (Gymnasium Liechtenstein Vaduz), Wolfgang
Grentz (KS Wetzikon), Giorgio Häusermann (Liceo di Bellinzona),
Peter Kaufmann (Neue KS Aarau), Alfredo Mastrocola (Neue KS
Aarau), Wolfgang Pils (KS Im Lee Winterthur), Christo Sabev
(CERN, Genf), Lukas Schellenberg (Gymnase de Chamblandes). Die
Arbeitsgruppe möchte besonders den Sponsoren danken, welche
durch ihre Unterstützung eine verbesserte Vorbereitung des Teams
ermöglichten:
ABB Schweiz
AEW Energie AG
Bundesamt für Bildung und Wissenschaft BBW
Deutschweizerische Physikkommission DPK (VSMP)
Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften SANW
Schweizerische Akademie der Technischen Wisssenschaften SATW
Schweizerische Physikalsiche Gesellschaft SPG
Verband Schweizerischer Elektriziätswerke VSE
Durch die finanzielle Unterstützung der Sponsoren
war es zum ersten Mal möglich, ein Trainingswochenende für das
Team durchzuführen und den 5 Mitgliedern ein kleines Taschengeld
an der Olympiade in die Hand zu drücken. Ein besonderer Dank
geht auch an die beiden Kollegen aus Aarau: Peter Kaufmann,
welcher die intensive experimentelle Vorbereitung auf sich nahm,
und Alfredo Mastrocola, der sich für die Öffentlichkeitsarbeit
einsetzte.
Die nächste Internationale Physikolympiade wird
vom 28. Juni bis 6. Juli 2001 in Antalya, Türkei, stattfinden.
Die Schweizer Arbeitsgruppe nimmt ihre Vorbereitungen dafür
am 16. September 2000 in Aarau mit der Planung der Ausscheidungswettbewerbe
wieder auf.
Das Internationale Komitee der Physikolympiaden
hat die Schweizer Kandidatur zur Durchführung einer Internationalen
Physikolympiade für das Jahr 2016 angenommen!
Die beiden Delegationsleiter des Teams 2000: Richard
Bachmann, Wolfgang Grentz
Bericht eines Teilnehmers
Von Matthias Treier, Würenlingen.
Am Samstag,den 8. Juli ging es endlich los. Mit
dem Tipler, der Physikbibel, im Handgepäck und 3 Taschenrechnern
dabei (2 solar und einer mit Batterien - man kann ja nie wissen
- konnte eigentlich gar nichts mehr schief gehen. Wohin ich
überhaupt wollte? An die Internationale Physikolympiade in Leicester
in England. Zusammen mit Christoph, Jonathan, Mattia (unserem
Ticinese), Jonathan (unserem Romand), mir, unseren zwei Begleitern
Herr Grenz und Herr Bachmann, sowie der Einmanndelegation Nicki
aus Liechtenstein, der aber für sich alleine ebenfalls zwei
Begleiter dabei hatte, machten wir uns mit Flugzeug und Car
auf die Reise nach Leicester, wo wir am Abend ziemlich müde
ankamen.
Am Sonntag stand die Eröffnungszeremonie auf dem
Programm. Schon beim Warten vor dem Einmarsch mussten wir feststellen,
dass die meisten anderen Teams in gesponserten Massanzügen erschienen
waren und wir in unseren Jeans und T-Shirts etwas aus der Reihe
tanzten. Per Zufall war uns ein Platz in der ersten Reihe zugeteilt
worden, weshalb gerade wir, die eigentlich etwas underdressed
waren, die Ehre hatten, die Zeremonie von ganz vorne zu verfolgen.
Die Zeremonie selbst war dann typisch englisch. So kamen wir
in den Genuss eines alten englisch Volkstanzes und wurden Zeuge
davon, dass die Engländer sehr viel Wert auf Tradition legen.
Der Lord Lieutenant of Leicestershire erklärte schliesslich
die Olympiade für eröffnet. Wir hatten unterdessen in Emilie,
unserer englischen Betreuerin Verstärkung erhalten.
Am Montag stand die fünfstündige theoretische
Prüfung auf dem Programm, die allerdings erst mit einer 45-minütigen
Verspätung begann, da, wie wir erst später erfuhren, die Chinesische
Übersetzung zu spät fertig geworden war. Nach der Prüfung einigten
wir uns darauf, dass die meisten Aufgaben wohl unlesbar waren,
was sich im nachhinein allerdings als Irrtum herausstellen sollte.
Aber im Ernst, die Prüfung war um einiges schwieriger als diejenigen
aus den vorangehenden Jahren, und diese waren schon schwierig
genug. Zudem war es für uns alle das erste Mal, dass wir eine
so lange Prüfung schrieben. Am Abend gab es dann noch eine Vorlesung
zum Thema Explosionen und explosives. Der Titel sagt eigentlich
schon alles, denn der Professor, der sichtlich Freude an dieser
Art von Arbeit hatte, liess es so richtig krachen.
Am Dienstag stand ein Ausflug nach Cambridge auf
dem Programm, wo wir zuerst auf einem ziemlich wackligen Böötchen
eine Rundfahrt durch den berühmten dortigen Campus machten und
dabei erfuhren, welche Adligen schon alle in Cambridge das College
besucht hatten. Auf der Rückfahrt nach Leicester legten wir
einen Zwischenstop bei einem "Museum of World Wars"
ein, wo Flugzeuge aus den beiden Weltkriegen ausgestellt sind.
Vor allem Christoph fand es schrecklich, zu sehen, wie einfallsreich
und motiviert intelligente Leute (unter anderem auch Physiker)
sein können, wenn es darum geht, Kriegsmaterial zu entwickeln.
Am Mittwochnachmittag war dann die praktische
Prüfung an der Reihe. In den ersten zweieinhalb Stunden ging
es darum, die Abhängigkeit eines Photowiderstandes von der Wellenlänge
und andere Dinge in diesem Gebiet zu bestimmen. Im zweiten Block
mussten wir die Bewegung eines Magneten, der eine Metallschiene
hinunter rutschte analysieren. Beide Experimente gelangen mir
für meine Verhältnisse sehr gut und ich hatte auch viel Spass
an diesem Nachmittag. Am Abend wollten Jonathan, Christoph und
ich noch etwas Sport treiben und so kam es, dass wir schliesslich
mit den Chinesen und Mongolen zusammen Basketball spielten,
was ebenfalls eines der eindrücklichsten Erlebnisse an dieser
Olympiade war.
Der eigentliche Höhepunkt der Woche war aber der
Donnerstag. Wir gingen nach Altan Towers. Das ist so etwas wie
der Europapark von England, nur extremer. Bei den meisten Bahnen
musste man zwar jeweils eine Stunde anstehen, doch war es das
Wert. Zum Beispiel war da eine Achterbahn, bei der man einfach
so 50 m senkrecht nach unten in ein Loch stürzte. Nach einem
ziemlich verdrehten Geisterschloss, bei dem Gleichgewichtsorgan
und Orientierungssinn so richtig durchgeschüttelt worden waren,
mussten Jonathan (romand) und ich für die restlichen Bahnen
forfait geben, da wir unsere Mägen nicht noch mehr herausfordern
wollten. Bis zum Abend hatten wir uns dann jedoch erholt und
gingen mit Mattia zusammen noch ins Dry Dock, einem nahegelegenen
Pub, wo man bei jedem Kellner für das gleiche Getränk etwas
anderes bezahlte.
Team Competition hiess es am Freitagnachmittag.
Nach langen Diskussionen hatten wir uns entschlossen daran teilzunehmen,
obwohl einige befürchteten, es könnte so eine Art zweite experimentelle
Prüfung sein. Es war dann aber zum Glück ganz anders und wir
hatten einen riesigen Spass. Die Aufgabe bestand darin, aus
ein paar Gummibändern, Schnur, Papier, Plastikröhrchen und ähnlichem
eine Art Chügelibahn zu bauen, für die die Kugel 30 Sekunden
brauchen musste. Wir hatten alle unglaublich viele tolle Ideen,
mussten aber feststellen, dass wir in unserem Team das Problem
hatten, drei verschiedene Muttersprachen zu haben, weshalb wir
uns vor allem in Englisch (und Zeichensprache) verständigen
mussten, was wir aber eigentlich schon die ganze Woche so gemacht
hatten. Unser Werk war dann ein absolutes Teamprodukt, jeder
hatte irgendeine seiner Ideen miteinbringen können. Wir waren
dann auch eines der besten Teams, allerdings behaupteten einige,
dass wir nur so viele Punkte wegen Emilie, unsererer Betreuerin,
erhielten, die dem Punktrichter ganz schön die Augen verdreht
hatte.
Bevor am Nachmittag die Schlussfeier stattfand,
konnten wir am Morgen noch mit Singapur, Schweden, Grossbritannien
und dem Team der USA das universitätseigene Spacecenter besuchen
und dort eine Raumfahrtmission auch selber realistisch durchspielen
und dabei auch wieder in Kontakt mit Teilnehmern aus anderen
Ländern kommen, wie eigentlich schon während der ganzen Woche.
Christoph und ich mussten dann am Nachmittag bereits etwas früher
zur Closing Ceremony erscheinen, da wir noch Instruktionen bekamen,
wie wir auf der Bühne unsere Goldmedaille (Christoph) bzw. Honourable
Mention (ich) in Empfang nehmen sollten. Es dauerte über eine
halbe Stunde bis alle Gewinner in der richtigen Reihenfolge
dastanden. Nachher kriegte ich auf der Bühne dann aber trotzdem
ein falsches Diplom in die Hände gedrückt. Als ich dies der
Dame leise mitteilen wollte, lächelte sie nur und zischte "Just
take it and go on!". Ich kam dann aber doch noch durch
Tausch zu meinem richtigen Diplom. Das Abendessen wurde diesmal
in der Turnhalle serviert, dafür nahmen auch alle Teilnehmer,
Betreuer und Begleiter daran teil.
Am Sonntag hiess es dann bereits wieder Koffer
packen und nach Hause zurückkehren, worüber wir alle eher traurig
waren. Nicht etwa weil wir die gute englische Küche oder das
ausgezeichnete englische Wetter vermissen würden, eher im Gegenteil,
aber wir hatten doch viel Spass zusammen gehabt. Im nächsten
Jahr, wenn die Olympiade in der Türkei stattfinden wird, werden
wir leider schon zu alt sein, um noch teilnehmen zu dürfen,
andererseits werden dann auch fünf neue Physikinteressierte
die Chance haben einem solch einmaligen Ereignis beizuwohnen.
Ein Dank gilt dem Leiterteam und den Sponsoren:
-
ABB (Schweiz) AG
-
AEW Energie AG
-
Bundesamt für Bildung und Wissenschaft
BBW
-
Deutschschweizerische Physikkommission
VSMP / DPK
-
Schweizerische Akademie der Technischen
Wissenschaften SATW
-
Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften
SANW
-
Schweizerische Physikalische Gesellschaft
SPG
-
Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmungen
VSE